Sie sind entstanden durch Reproduktionstechnologien – und jetzt junge Erwachsene. Eine Bilanz

mit Tim Wiese

Deutschlandradio Kultur, Zeitfragen – Aus Forschung und Gesellschaft. 09.06.2016

Ende der 1970er/Anfang der 1980er Jahre kamen die ersten sogenannten „Retortenbabys“ zu Welt und waren eine Sensation: Louise Brown in Großbritannien, Elizabeth Carr in den USA, Oliver W. in Deutschland. Die „Kinder aus dem Reagenzglas“ waren, je nach Standpunkt, medizinische Wunder und ein Segen der Technik für Eltern mit unerfülltem Kinderwunsch oder gotteslästernde Vorboten einer künftigen Welt voller geklonter Designer-Menschen. Heute sind sie erwachsen, zum Teil selbst Eltern und „nur“ noch drei von schätzungsweise vier bis fünf Millionen Menschen weltweit, die mit verschiedenen Methoden der künstlichen Befruchtung gezeugt worden sind. Auf Reproduktionstechnologien zurückzugreifen ist kein Tabu mehr – für heterosexuelle ebenso wie für homosexuelle Paare, für Frauen und Männer mit Erbkrankheiten ebenso wie für Frauen, die das Kinderkriegen aus beruflichen Gründen verschieben wollen.

Aber: Ist es tatsächlich unerheblich, auf welche Weise ein Mensch entstanden ist? Oder haben mittels Reproduktionstechnologien auf die Welt gekommene Kinder Eigenschaften, die sie von anderen Menschen unterscheiden? Woran liegt es zum Beispiel, dass Retortenbabys häufiger mit Fehlbildungen zur Welt kommen als natürlich gezeugte Kinder, wie australische Forscher feststellten? Beeinflusst das Nährmedium, in dem eine künstlich befruchtete Eizelle ihre erste Teilung durchläuft, spätere Verhaltensweisen wie Angst oder Neugier, wie Reproduktionsmediziner aus Münster vermuten? Hat die Tatsache, ein unter Umständen langwieriges, technisch organisiertes „Projekt“ gewesen zu sein, Auswirkungen auf die Erziehung und psychosoziale Entwicklung von im Labor gezeugten Kindern? Vielleicht noch mehr, wenn nach einer künstlichen Befruchtung mit anonymen Spendersamen der Vater für immer unbekannt bleibt?

Was weiß man über die Entwicklung von „Retortenbabys“, rund 35 Jahre nachdem die ersten so gezeugten Kinder geboren wurden? Welche Fragen sind weiter offen? Und vor allem: was erzählen sie selbst?

Foto: Maurizio De Angelis, Wellcome Images, via flickr.com, CC BY-NC-ND 2.0

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s