Deutschlandradio Kultur, Zeitfragen – Kultur und Geschichte

26.10.2016

mit Andreas Hartmann

Vinyl – ist derzeit voll im Trend: fast jede neue Platte erscheint wieder als Vinyl, teilweise sogar ausschließlich. Etliche Bücher und Dokumentarfilme widmen sich dem Phänomen, Magazine schreiben den „Vinyl-Lifestyle“ herbei. Aber auch Kassetten, Röhrenverstärker und analoge Fotoapparate haben im Schatten der digitalen Revolution überlebt – und Hersteller von Computer- und Videospielen verzeichnen steigende Verkaufszahlen bei Spielen, zu denen physische, anfassbare Spielfiguren gehören. Was ist passiert?

Vinyl etwa steht für eine gewisse Wertigkeit. Allein die großformatigen, gestalteten Plattencover gelten als Statement, die Haptik einer Platte als Kontrapunkt zur Flüchtigkeit der digitalen Musikstreams. Auch das analoge Musikmachen – mit all den dazugehörenden, durch Mängel und Abnutzungserscheinungen der Geräte entstandenen Klangnuancen – ist für Künstler und Fans die akustische Option der Wahl. Denn Digitaltechnik erzeugt zwar technisch hochwertige Ergebnisse, die allerdings sind immer etwas steril und vor allem: sie sind weniger zufällig, weniger einzigartig und viel eher reproduzierbar.

Gerade jüngere Leute aber sind begeistert davon, etwas in den Händen halten zu können, das nicht schon hundertfach in Social-Media-Kanälen gepostet wurde – das gilt für Musik ebenso wie für Fotos. „Es wächst eine Generation heran, die nicht mehr weiß, was ein Original ist, von der Idee eines Originals aber fasziniert ist“, sagt Jörn Freitag, der in Berlin seit sechs Jahren erfolgreich ein Geschäft für lange Zeit totgesagte Polaroid-Kameras betreibt.

Aufhalten wird die Renaissance des Analogen die Digitalisierung unseres Lebens natürlich nicht. Trotzdem prägt sie die Entwicklung schon jetzt: Ob in Form von Apps, die Fotos „auf alt trimmen“, in Form von Bedien-Elementen für Tablets, die die Form von Schiebe- und Drehreglern haben – oder von Sofortbildkameras, die Bilder auswerfen und es trotzdem erlauben, diese auch zu speichern und zu posten. Oder in Form von Computerspielen, die virtuelle und „reale“, Spielfiguren zusammenführen.

Wie aber kam es zum Analog-Comeback – und was bedeutet es? Was kann die Platte, was das gestreamte Album nicht kann? Hören wir sie tatsächlich anders? Und wenn wir ein Foto in den Händen halten – sehen wir darauf dann andere Dinge als auf einem Foto auf Instagram? Verstehen wir es anders, bedeutet es (uns) etwas anderes? Und wenn ja, was und warum? Ist die Rückkehr des Analogen einfach ein Retro-Trend oder tatsächlich, wie der Guardian jüngst schrieb, der Beginn einer hybriden physisch-digitalen – „phygitalen“ – Ära?

Foto: Anders Piltz via flickr.com

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